Erfahren, woher wir kommen - Lesereihe zu den Grundschriften der europäischen Kultur

Die Schriften der griechischen und römischen Antike bilden zusammen mit den Geschichten der Bibel die wichtigste Grundlage unserer literarischen Kultur, ja der kulturellen Überlieferung insgesamt. Durch die Mythen erhalten wir Zugang zu Geschichte und Religion des frühen Europa. Dass in ihnen eine »tiefere Bedeutung zu finden sei, ist zumindest den Künstlern immer bewusst gewesen, enthalten sie doch ein Grundwissen über den Menschen und seine Einbindung in kosmische, religiöse und soziale Zusammenhänge.

In siebenundzwanzig Veranstaltungen sollen über drei Jahre hinweg Grundtexte und Grundschriften der europäischen Kultur vorgestellt werden: vom Gilgamesch-Epos über Ovids Metamorphosen bis zu Montaigne und Shakespeare, von der Apologie des Sokrates über das Nibelungenlied bis zu den Grundtexten der Moderne von Kant, Marx und Nietzsche. Was ist der Sinn des Unternehmens? Es der Versuch zu erfahren, woher wir kommen, ein Versuch der Selbstvergewisserung und Selbstbegegnung im Spiegel »gültiger« Texte. Nicht zuletzt geht es um eine Begegnung mit Werken, die sich jede Generation neu erschließen muss, wenn sie sich ihrer kultu-rellen Tradition versichern will.

Hanjo Kesting, der langjährige Leiter der Abteilung Kulturelles Wort im NDR, hat das Programm konzipiert und lädt die Besucher zur (Wieder-)Begegnung mit den »Grundschriften« ein. Er führt kommentierend durch die Veranstaltungen. Die Texte sollen auch für sich selber sprechen, zum Leben erweckt von namhaften Schauspielerinnen und Schauspielern.

 

 

Montag, 16.04.2018, 19:30 Uhr - Das Gilgamesch-Epos - Siegfried W. Kernen (Lesung) und Hanjo Kesting (Kommentierung)

 

Rilke nannte das Gilgamesch-Epos, den ältesten erhaltenen Text der Weltliteratur, das »Epos der To-desfurcht«. Es entstand fast zweitausend Jahre vor den homerischen Epen, und sein Schauplatz ist Uruk, die erste Großstadt der Welt im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris. Das Epos hat über Jahrhunderte hinweg seine Wirkung entfaltet und die homerischen Epen ebenso beeinflusst wie viele Textpassagen der Bibel und die Geschichten aus »Tausendundeine Nacht«. Um Gilgamesch, den sumerischen König, ranken sich sagenhafte Erzählungen, die von seinen Heldentaten berichten und dem Versuch, Unsterblichkeit zu erlangen.

 

Neue Osnabrücker Zeitung, 17. April 2018

 

Presseminformation der Stadt Osnabrück, 17. April 2018

 

 

Montag, 28.05.2018, 19:30 Uhr - Aischylos: Die Orestie - Monique Schwitter (Lesung) und Hanjo Kesting (Kommentierung)

 

Die Sage von den Tantaliden ist neben der »Ilias« und der »Odyssee« der mächtigste Sagenkreis der antiken Überlieferung. Er umfasst die Geschichte des mykenischen Königshauses, von Agamemnon, Klytaimnestra, Iphigenie, Elektra, Orest und ihren Vorfahren, und handelt von Gattenmord und Mutter-mord. Die griechischen Dramatiker Aischylos, Sophokles und Euripides haben den Stoff in zahlrei-chen Tragödien behandelt. In der dreiteiligen »Orestie« des Aischylos wird die verhängnisvolle Famili-engeschichte zu einer neuen Ordnung geführt, die gleichbedeutend ist mit der Begründung der atheni-schen Rechtssystems.

 

Neue Osnabrücker Zeitung, 29. Mai 2018

 

 

Montag, 25.06.2018, 19:30 Uhr - Tacitus: Germania - Frank Arnold (Lesung) und Hanjo Kesting (Kommentierung)

 

Die Germania des Tacitus ist die einzige antike Einzelschrift, die man im heutigen Sinne »ethnogra-phisch« nennen würde. Sie schildert die Sitten der Germanen, ihre Kriegsführung und Lebensform. Der Autor Tacitus (ca. 59-ca. 116 n. Chr.) war ein stilistisch versierter Schriftsteller, dessen Hauptwerk, die Annalen, den Niedergang des römischen Kaiserreichs seit Augustus beschreibt. Die Annalen schildern auch die Niederlagen römischer Heerführer bei ihren Feldzügen in Germanien, vor allem die folgenrei-che Varusschlacht, die fünfzehnhundert Jahre später zum Ausgangspunkt deutscher Mythen wurde. Hanjo Kesting studierte Philosophie, Literaturwissenschaft und Geschichte in Köln, Tübingen und Hamburg. 1973-2006 Leiter der Hauptredaktion Kulturelles Wort beim Norddeutschen Rundfunk. Zahlreiche Publikatio-nen zu Literatur und Musik. Zuletzt: »Ein Blatt vom Machandelbaum. Deutsche Schriftsteller vor und nach 1945«, Göttingen 2008. – »Erfahren, woher wir kommen. Grundschriften der europäi¬schen Kul-tur«, 3 Bde. Göttingen 2012. – »Das Geheimnis der Sirenen. Bücher und andere Abenteuer«, Hannover 2014. – »Augenblicke mit Jean Améry. Essays und Erinnerungen«, Göttingen 2014. – »Erfahren, wo-her wir kommen. Große Romane der Weltliteratur«, 3 Bde., Göttingen 2015. – »Begegnungen mit Sieg-fried Lenz. Essays, Gespräche, Erinnerungen«, Göttingen 2016. – »Bis der reitende Bote des Königs erscheint. Über Oper und Literatur«, Göttingen 2017. – Hanjo Kesting war langjähriger Herausgeber der Hörbücher der Deutschen Grammophon und hat eine Hör-Edition der Weltliteratur in 50 Bänden (mOcean OTonVerlag) vorgelegt. 1982 Kritikerpreis der Salzburger Fest¬spiele, 2005 Kurt-Morawietz-Literaturpreis der Stadt Hannover, 2007 Ehren¬promotion der Universität Hamburg. Vorsitzender des Kuratoriums der Günter Grass-Medienstiftung Bremen.

 

Neue Osnabrücker Zeitung, 26. Juni 2018

 

 

Montag, 17.09.2018, 19:30 Uhr - Homer: Odysee - Klaus Schreiber (Lesung) und Hanjo Kesting (Kommentierung)

 

Die Odyssee, neben der Ilias das zweite, Homer zugeschriebene Epos der griechischen Überlieferung, berichtet von der Irrfahrt des Königs von Ithaka nach Ende des Trojanischen Krieges. Homer erzählt von Abenteuern und Schiffbrüchen, dem Aufenthalt am Hof der Phäaken, der Wanderung durch die Unterwelt und zuletzt von der Heimkehr des Odysseus zur Gemahlin Penelope. Das Werk entstand um 700 vor Christus, rund fünfhundert Jahre nach den darin erzählten Ereignissen. Die kunstvolle Komposition deutet auf eine individuelle Autorschaft hin.

 

 

Montag, 29.10.2018, 19:30 Uhr - Ovid: Metamorphosen - Volker Risch (Lesung) und Hanjo Kesting (Kommentierung)

 

Rund zweihundertfünfzig Verwandlungssagen sind in den Metamorphosen zu einem erzählerischen Ganzen verwoben. Der alles beherrschende Grundgedanke des Buches liegt im Prinzip der Verwandlung, ein Leitmotiv, das durch alle Figuren, Situationen und Begebenheiten hindurch variiert wird. Diesem Prinzip folgt das Werk nicht nur in seinen einzelnen, kunstvoll miteinander verschlungenen Ein- zelepisoden, sondern auch in der Gesamtkomposition: in der Entwicklung vom ursprünglichen Chaos der Welt zur Ordnung des augusteischen Reiches.

 


Montag, 26.11.2018, 19:30 Uhr - Hartmann von Aue: Gregorius - Siegfried W. Kernen (Lesung) und Hanjo Kesting (Kommentierung)

 

Hartmann von Aue gilt neben seinen Zeitgenossen Wolfram von Eschenbach und Gottfried von Straßburg als einer der drei großen Epiker des deutschen Mittelalters. Seine Verslegende Gregorius, unmittelbar vor der Erzählung vom Armen Heinrich entstanden, ist ganz vom Geist christlicher Bußfertigkeit bestimmt, obwohl sie stofflich in die Antike und bis zur Ödipus- Geschichte zurückreicht. Sie handelt vom "rechtschaffenen Sünder" Gregorius, der aus tiefer Buße und Erniedrigung auf den päpstlichen Stuhl erhoben wird. Thomas Mann hat Hartmanns Epos 750 Jahre später in seinem Roman "Der Erwählte" nacherzählt.