Diesterweg-Stipendium feiert die Aufnahme der 100. Familie

Osnabrück, im November 2022

 

Ein Stipendium als Türöffner

 

Es herrscht ein ungewöhnliches Treiben auf dem Gelände des Lauten und Leisen Speichers im Osnabrücker Hafen: Dort, wo sonst Bands proben und in Büros gearbeitet wird, laufen 14 Familien eifrig von Station zu Station der „Diesterweg-Rallye“, bei der sie einen ersten Eindruck bekommen sollen, was sie in den nächsten zwei Jahren im Diesterweg-Stipendium erwartet. Verschiedene Bildungs- und Kultureinrichtungen haben kleine Aktionen vorbereitet, um sich bei den „Neuen“ im Diesterweg-Stipendium vorzustellen, und während auf der einen Seite des Raums an der Station des Museums Industriekultur konzentriert gebastelt wird, werden am anderen Ende, angeleitet von Carolin Bormann von der Musik- und Kunstschule, inbrünstig Rhythmen eingeübt. Der Anlass dieser Veranstaltung ist die Aufnahme der neuen Familien in das Stipendium, die in diesem Jahr eine Besonderheit beinhaltet: Mehr als 100 Familien werden und wurden nun durch das Projekt in Osnabrück gefördert.

Das Diesterweg-Stipendium wurde von der Stiftung Polytechnische Gesellschaft in Frankfurt am Main entwickelt und wird derzeit bundesweit an 13 Standorten durchgeführt. Seit 2015 ist es als Gemeinschaftsprojekt der Friedel & Gisela Bohnenkamp-Stiftung und der Stadt Osnabrück auch ein Bestandteil der Osnabrücker Bildungslandschaft. Oberbürgermeisterin Katharina Pötter ist von dem Angebot überzeugt: „Das Diesterweg-Stipendium ist in Osnabrück zu einem feststehenden Begriff geworden, der vor allem für Bildungsteilhabe von Familien steht.“

Das erste und einzige Familien-Bildungsstipendium Deutschlands unterstützt zwei Jahre lang durch ein abwechslungsreiches Bildungsprogramm sowie die persönliche Begleitung Kinder und ihre Familien am Übergang von der Grundschule in die weiterführende Schule. Die Familien werden von den Osnabrücker Grundschulen vorgeschlagen, von einer Jury ausgewählt und anschließend vom Beginn der 4. bis zum Ende der 5. Klasse intensiv gefördert.

Eine der allerersten Familien, die in das Stipendium 2015 aufgenommen wurden, ist die Familie von Rouya Murad. Die Familie, die ursprünglich aus Syrien stammt, war erst wenige Monate in Deutschland, als ihre Lehrkräfte ihr Potential erkannten und sie für die Aufnahme in das Stipendium vorschlugen. Eine Chance, für die Rouya rückblickend sehr dankbar ist: „Am Anfang habe ich gar nicht verstanden, wie viel das Diesterweg-Stipendium für mich bedeuten würde. Ich hatte Spaß bei den Aktionen, vor allem bei den Ferienkursen, und habe viel gelernt. Aber jetzt, wo ich älter bin, kann ich erst richtig überblicken, wie viel es mir tatsächlich geholfen hat. Ich bin sehr froh, dass ich durch das Diesterweg-Stipendium die Möglichkeit bekommen habe, mich so zu entwickeln!“ Nach einem Ehemaligen-Workshop des Diesterweg-Stipendiums, bei dem es um Beteiligungsmöglichkeiten junger Menschen ging und auch das Osnabrücker Jugendparlament vorgestellt wurde, engagiert sie sich mittlerweile selbst in eben diesem für die Entwicklung der Stadt Osnabrück und tritt selbstbewusst für die Interessen ihrer Generation ein.

Ihre Mutter Zouzan Abdo hat vor allem die Begleitung beim Übergang auf die weiterführende Schule in positiver Erinnerung: „Das war sehr hilfreich für uns, so viele Informationen und auch Beratung zu bekommen bei dieser schwierigen Entscheidung. Und nach dem Akademietag in der Stadtbibliothek waren wir fast jeden Tag dort!“ Oberbürgermeisterin Pötter: „Das Stipendium ist ein Türöffner – es bringt Kinder und ihre Familien in Kontakt mit den Bildungs- und Kulturangeboten unserer Stadt.“

Dass das Diesterweg-Stipendium aber viel mehr ist als die Vermittlung von Inhalten und Zugängen zu Bildungs- und Kultureinrichtungen, ist an diesem Tag im Osnabrücker Hafen überall zu spüren. Die Familien begegnen sich mit Freude untereinander, lernen sich selbst und die anderen ganz neu kennen. „Dadurch, dass auch die Eltern aktiv beteiligt sind, entsteht bei den Aktionen eine ganz besondere Dynamik innerhalb der Familien“, zeigt sich Liane Kirchhoff von der Theaterpädagogischen Werkstatt begeistert von dem Konzept des Familien-Bildungsstipendiums. Projektleiterin Katharina Liebing betont: „Bildung und Beziehung sind bei uns im Diesterweg-Stipendium ganz eng miteinander verknüpft. Beides sind wesentliche Faktoren für die Entwicklung der Kinder und ihrer Familien!“ Und auch Rouya berichtet, dass sie noch immer in Verbindung stehen mit einigen der Familien, die sie im Diesterweg-Stipendium kennenlernen konnten: „Die Kontakte mit den anderen Familien gehen nicht verloren – wir hatten so eine intensive Zeit, die gemeinsamen Erinnerungen verbinden uns.“

 Michael Prior, Sprecher des Vorstandes der Bohnenkamp-Stiftung, fasst das am Ende des abwechslungsreichen Tages so zusammen: „Wir haben heute die 100. Familie in das Diesterweg-Stipendium aufgenommen, aber schlussendlich haben wir das Gefühl: Eigentlich werden wir mit der Zeit zu einer großen Diesterweg-Familie!“

Fotos: Ulrike Lehnisch

 

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